Frauen und Politik – Im Gespräch über Macht und Möglichkeiten
Am 5. Oktober folgten rund 25 Unternehmerinnen und Frauen in Führungspositionen in Oberhausener Betrieben der Einladung des Netzwerkes FRAUEN-FAIRNETZT. Unter dem Motto „Frauen und Politik – Im Gespräch über Macht und Möglichkeiten“ hatten sie die besondere Möglichkeit mit Sonja Bongers, erste Bürgermeisterin der Stadt Oberhausen und den Gleichstellungsbeauftragten der Stadt Oberhausen, Julia Pietrasch und Tanja Bergmann, in den Austausch zu kommen – und das im Oberhausener Ratssaal.
Zudem präsentierte Ingo Wiedenbrück von der unteren Denkmalbehörde die architektonischen Schätze des, wie er sagt „schönsten Rathauses Deutschlands“ und gab in einem kleinen Rundgang weitere Einblicke in Räume mit besonderer Geschichte im Rathaus.
Begrüßt wurden die Gästinnen im Flur vor dem Ratssaal bei einem get together mit Getränken und Finger Food. So war bereits vor dem offiziellen Programm Zeit zum Netzwerken und den Austausch untereinander. Nach einem gemeinsamen Gruppenfoto ging es auch schon los.
Anusch Khansai-Koziorowski von der Arbeitsagentur eröffnete das Event und begrüßte, auch im Namen der Partnerinnen der Oberhausener Wirtschafts- und Tourismusförderung OWT GmbH und dem Verband der Unternehmerinnen in Deutschland: „Ich freue mich, dass Sie so zahlreich erschienen sind, um mit uns ins Gespräch zu kommen zu Frauen in der Politik und der wichtigen Arbeit der Gleichstellungsstelle in diesem Zusammenhang. Es ist klasse, dass wir heute in diesen historischen Räumlichkeiten der Demokratie dazu ins Gespräch kommen können.“
Sonja Bongers bedankte sich in ihrem Redebeitrag für die Einladung und berichtete zunächst von ihrem persönlichen Weg als Frau in der Politik: „Ich habe nie einen festen Plan verfolgt, der von Anfang an stand. Es haben sich Chancen ergeben, die ich ergriffen habe.“
Alles begann mit einem Rhetorik-Kurs in der 12. Klasse, zu dem ein Lehrer sie eingeladen hatte. Dies weckte das politische Interesse der Oberhausenerin. Schnell wurde ihr klar, dass sie die Ausrichtung der jungen Sozialdemokraten am meisten ansprach und sie sich in der Partei einbringen möchte. Die Karriere ließ nicht lange auf sich warten. So wurde sie in der SPD Mitglied und kam 2007 in die Bezirksvertretung. 2009 kandidierte sie für den Rat der Stadt und erhielt ein Direktmandat. 2017 zog die engagierte Juristin dann in den NRW Landtag ein. „Ich habe mich über das Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger in mich unglaublich gefreut und wusste dies stets zu schätzen. Das ist nicht selbstverständlich. Und jeder Step klingt nun so einfach im Nachgang, aber in den Momenten stand ich vor großen Herausforderungen und fragte mich stets: ‚Schaffe ich das? Kann ich das?‘ Und das ist typisch weiblich! Wir Frauen gehen niemals halbherzig in eine neue Situation, wir hinterfragen uns und unser Können. In den ganzen Jahren habe ich gelernt: Wir müssen niemandem gefallen oder es allen recht machen! Ich muss meinen Job gut machen, dann erhalte ich Anerkennung und komme im Leben weiter! Ich muss mich nicht kleiner machen, damit sich andere (vor allem Männer) größer fühlen.“
Die Bürgermeisterin brachte zudem eindrucksvolle Zahlen aus dem Rat der Stadt mit: es gibt 58 Ratsmitglieder in Oberhausen plus den Oberbürgermeister. Von diesen sind gerade einmal 18 Frauen. „Frauen machen die Hälfte der Bevölkerung aus – aber in dem wichtigsten Gremium der Stadt, sind sie gerade mal zu einem Drittel vertreten.“
Als besonderes Vorbild für sich sieht Sonja Bongers die erste Oberbürgermeisterin der Stadt Oberhausen, Luise Albertz. Diese wurde 1901 in Duisburg geboren – ihr Vater Hermann Albertz war aktiver Sozialdemokrat in Oberhausen und so war auch sie in jungen Jahren bereits politisch engagiert. Unmittelbar nach dem Krieg engagierte sich Luise Albertz beim Wiederaufbau der SPD. Zudem wurde sie Sekretärin des neu eingesetzten Oberbürgermeisters. Bei den Kommunalwahlen 1946 wurde die SPD in Oberhausen stärkste Partei. Albertz wurde in den Rat und dort zur Oberbürgermeisterin gewählt. Luise Albertz wurde so erste Oberbürgermeisterin einer deutschen Großstadt und zog später zudem in den Land- und Bundestag ein.
Bongers blickt in ihrer Rede auf die Entwicklung seit 1946 zurück und betont: „Frauen sind in politischen Ämtern heutzutage selbstverständlich – es hat sich bereits viel getan. Die Türen stehen den Frauen offen – sie müssen nur den Mut haben hindurch zu gehen! Ich wünsche mir, dass sich mehr junge Frauen politisch engagieren und für den Erhalt der Demokratie einsetzen!“
Im Anschluss blickte die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Oberhausen, Julia Pietrasch, auf 40 Jahre Gleichstellung in Oberhausen zurück. Eindrucksvoll schilderte sie die Meilensteine und Errungenschaften in der Gleichstellungsarbeit ihrer vier Vorgängerinnen in Oberhausen. Pietrasch selber übernahm am 7. April 2025 das Amt von ihrer Vorgängerin Britta Costecki. Seitdem setzt sich die Oberhausenerin leidenschaftlich und engagiert für die Gleichstellung von Menschen ein und wird nicht müde zu betonen: „Für die gelebte Gleichstellung brauchen wir einen langen Atem. Ganz aktuell spüren wir wieder: die Krisen dieser Welt haben bestehende Ungleichheiten massiv verstärkt. Besonders Frauen übernehmen zusätzliche Care-Arbeit, reduzieren Arbeitszeit oder geraten stärker unter wirtschaftlichen Druck. Krisen wirken eben nicht geschlechtsneutral. Auch wenn politische Debatten das gerne mal suggerieren. “
Für sie war Gleichstellung nie ein weiches Thema, sie war und ist aus ihrer Sicht immer auch eine Frage von Ressourcen, von Einfluss und gesellschaftlicher Teilhabe und genau deshalb wurde sie über Jahrzehnte so hart diskutiert. „Gleichstellungspolitik ist auch im Jahre 2026 keine historische Rückschau, sondern demokratische Gegenwart. Oder um es provokanter zu sagen: So lange Frauen immer noch schlechter bezahl werden, seltener befördert und zugleich noch für gesellschaftlichen Zusammenhalt verantwortlich gemacht werden, ist Gleichstellung nicht zu weit gegangen, sondern schlicht noch nicht weit genug!“
Pietrasch sieht die Politik und die Gleichstellung eng miteinander verzahnt. So kann die Politik Entscheidungen treffen, die der Gleichstellung dienen. Die Oberhausenerin hebt auch hier besondere Meilensteine der letzten Jahrzehnte hervor, die ihrer Meinung nach oftmals zu spät gesetzt wurden: erst 1977 wurde das Leitbild der Hausfrauenehe im Gesetz gestrichen, 1985 beschließt der Bundestag das Gesetz zur Gleichstellung von Mann und Frau im öffentlichen Dienst – die Grundlage für kommunale Gleichstellungsarbeit, 1994 dann die Aufnahme der Gleichstellung in Artikel 3 des Grundgesetzes, 1997: Vergewaltigung in der Ehe wird strafbar, 2001: das Lebenspartnerschaftsgesetz wird eingeführt, 2005: Angela Merkel wird erste Bundeskanzlerin – ein starkes Zeichen, das viele Debatten befeuerte, 2013: die Frauenquote in Aufsichtsräten großer Unternehmen wird beschlossen, 2017: die Ehe für alle wird Realität. Dann kamen die 2020er – Themen wie GenderPay , Gendersensible Sprache und Gewalt gegen Frauen rücken noch weiter in den Fokus – unter anderem auch, weil Gleichstellungsarbeit sie sichtbar macht. „Wie feiern also insgesamt die Kraft von beharrlicher, aber auch oft unsichtbarer Arbeit. Alles wurde erkämpft und nichts geschenkt. Das Frauenwahlrecht nicht, der Zugang zu Universitäten nicht, der Anspruch auf Selbstbestimmung nicht und auch nicht der Schutz vor Gewalt. Die 40 Jahre haben selbstredend etwas verändert. Es ist heute selbstverständlich, dass Gleichstellung ein demokratischer Auftrag ist, dass Gewalt gegen Frauen kein Privatproblem ist, dass Vielfalt eine Gesellschaft stärker macht, dass junge Väter Elternzeit nehmen wollen, dass junge Frauen selbstverständlich Ingenieurinnen werden können und Jungs auch Erzieher.“
Für Pietrasch ist die Gleichstellungsarbeit nicht nur ein wichtiges Thema der Vergangenheit sondern auch ein essentielles die Zukunft. „Und wenn ich die Frage höre: Müssen wir denn schon wieder darüber reden? Dann sage ich Ja! Das müssen wir, so lange Frauenhäuser voll sind, so lange Care-Arbeit unsichtbar bleibt, so lange Macht ungleich verteilt ist und so lange Menschen Angst haben müssen, sie selbst zu sein! Und Gleichstellung ist kein Jubiläumsthema, sondern unser Dauerauftrag!“
Nach diesen tollen Einblicken in die Arbeit der Politik und der Verwaltung durften die Gästinnen noch historische Details zum Rathaus und dem Ratssaal von Ingo Wiedenbrück, der sich seit acht Jahren um die Denkmäler Oberhausens kümmert, erfahren. Der Architekt lädt mit seinen Worten alle Gästinnen ein, sich dieses besondere Gebäude, die Fassade und die Details anzusehen: „Dieses Gebäude ist wirklich großartig und einer meiner top Highlights weltweit, die ich kenne. Architekt dieses Hauses war Ludwig Freitag und es wurde 1930 fertiggestellt. Es zählt zum Backsteinexpressionismus, ein ganz klares Statement der Moderne. Einen besonders guten Blick hat man aus dem Grillo-Park heraus, aus dem sich das Gebäude terrassenförmig erhebt.“
Der Ratssaal befindet sich im Zentrum der Achse des Rathausturmes – für Wiedenbrück ein selbstbewusstes und kräftiges Statement für die demokratische Bauweise. Auch der Ratssaal an sich ist laut dem Denkmal-Experten durch und durch demokratisch. Es gibt eine Zuschauer- und eine Pressetribüne. Vor den 50er Jahren gab es sogar eine Art Speakers-Corner auf der Zuschauer hervortreten und Fragen stellen konnten. In den 50er Jahren wurde der Saal dann zum ersten Mal seit dem Bau umgestaltet und bekam einen eher nüchternen Anstrich. Verschwunden ist dabei die Holzverkleidung an den Wänden mit einer Ausnahme der beiden Flächen neben den Fenster. Zudem wurde die, wie Wiedenbrück sagt, „fantastische“ Decke des Raumes verkleidet und damit versteckt.
Frauen kamen erst bei der neuen Gestaltung des Raumes ins Spiel, an der drei Architektinnen aus Oberhausen gearbeitet haben. Der Stuck wurde wieder hergestellt, die Decke freigelegt. „Da haben wir uns eng mit dem LVR abgestimmt“, betont Wiedenbrück. Helle Farben dominieren nun den gut beleuchteten Raum, der im August 2023 fertiggestellt wurde.
Bei einem anschließenden kleinen Rundgang durch zwei weitere Räume des Rathauses, konnten die Teilnehmerinnen weitere spannende Einblicke erhalten und ihre Fragen stellen.
Nach dieser gelungenen Veranstaltung freuen sich nun alle bereits auf das kommende Event von FRAUEN-FAIRNETZT.